News Update
1. November 1992
Neue Zürcher Zeitung
NZZ FOLIO 11/92
Urs Widmer
Postkarte -- Der Gerechtigkeitsbrunnen in Bern
Geheimdienste
Ich habe ein Stück über Jeanmaire geschrieben und über die Schweiz im kalten Krieg. Gottfried Helnwein, ein Maler aus Österreich, hat ein Plakat dazu gemalt. Darauf sieht man Jeanmaire, den verwirrten Offizier, nackt vor dem untersuchenden Beamten, genau so, wie es ihm am 9. August 1976 geschehen ist. Ich weiss nicht, wie oft diese Methode, einem Menschen gleich zu Beginn einer Untersuchung seine Würde zu nehmen, in der Schweiz angewandt wird. Sie wurde es jedenfalls damals. Und nun sind manche empört und sagen, die Darstellung der Entwürdigung sei würdelos. Sei sogar so etwas wie Leichenfledderei, weil Jeanmaire ja zu Beginn dieses Jahrs gestorben ist. Der Bote, der die schlechte Nachricht überbringt, wird wieder einmal unter Anklage gestellt, während die schlechte Nachricht selber so ungefähr jeden unbeeindruckt liess. Das Bild löst endlich und spät jene Erregung aus, die der Wirklichkeit viel früher hätte gelten sollen.
In effigie: Wieder wird eine Diskussion auf die Bildebene verschoben, um sie nicht auf der Ebene der Wirklichkeit führen zu müssen. - Das einzige, was mich ängstige, als ich Helnweins Plakat zum erstenmal sah, war die Reaktion der Angehörigen Jeanmaires. Hätten sein Sohn und seine Lebensgefährtin nicht ihre Zustimmung gegeben, und zwar begeistert, wären sie erschrocken, verletzt, entsetzt gewesen, dann allerdings hätte auch ich gemeint, dass wir nicht mit diesem Plakat werben dürften, das verständlicherweise keinen unberührt lässt. Sein Skandal ist, meine ich, nicht das Schwänzchen, auch nicht der Brigadierhut, und nicht mal die Kombination von beidem, sondern die Wahrhaftigkeit, mit der wir einen alten Mann sehen. So sehen wir aus, so armselig, so ohne Trost. So sehen wir auch aus, wenn wir Brigadier sind.
Urs Widmer lebt als Schriftsteller in Zürich. Sein Stück, «Jeanmaire. Ein Stück Schweiz», wird in Bern gespielt.
Meine Postkarte zeigt den Gerechtigkeitsbrunnen, an dem mich sowohl der Standort - Bern, das Herz der helvetischen Gerechtigkeit - als auch die Figur der Justitia interessieren. Die Justitia war einst eine römische Göttin, aber das sieht man der Figur auf der Brunnensäule oben nicht mehr an. Ihre Rüstung ist mittelalterlich, auch das Schwert und die Augenbinde sind es, denn in den römischen Zeiten war Justitia sehend und trug einen Ölzweig, ein Zepter und ein Füllhorn mit sich. Die Waage allerdings, die hatte sie damals schon. In der einen Schale lag die Schuld, in der anderen die Unschuld. Die Göttin konnte zusehen, wie sich die Waage neigte.
Später band irgendwer der Justitia die Augen zu. Sie war nun blind und kam sich so gerechter vor, unparteiischer: Aber natürlich bemerkte sie auf diese Weise nicht, wenn ein Unberufener einiges Zusatzgewicht in die Schale der Schuld legte und einen Arglosen zu einem Verbrecher machte. Dann trat das Schwert in Aktion, und tatsächlich sind auf vielen Justitia-Darstellungen ein paar abgeschlagene Köpfe zu sehen. Die auf dem Brunnen sehen allerdings nur so aus, enthauptet. Sie sind die Vertreter irdischer und himmlischer Macht hienieden und gewiss den Waagschalen so nahe, damit sie sie ohne Mühe mit ihren Stöcken nach unten drücken können.
Pascal Hêche ist ein bärtiger Mann aus dem Lande Jura, der sich selber einen bélier nennt, was manche, manche in Bern vor allem, mit Schafsbock übersetzen würden, was aber auch jene Ramm-Maschine meinen könnte, die die kühnen Karle vergangener Jahrhunderte mit sich führten, wenn sie in Ortschaften wie Grandson oder Murten gelangen wollten. Die Rammböcke von Charles le Téméraire scheiterten 1476 am massiven Mauerwerk dieser Festungen, aber Pascal Hêche schaffte es 1986, den Gerechtigkeitsbrunnen in die Luft zu sprengen. Er war der Ansicht, dass die Gerechtigkeit in Bern, die Anliegen seines Jura betreffend, nicht blind sei, sondern einäugig. Nur auf dem Berner Auge sehe. Er wurde geschnappt und verurteilt. Seitdem gewährt ihm der Kanton Jura politisches Asyl, und die Berner versuchen, ihn im Namen des Rechts zu kriegen. Das Bundesgericht wird wohl in nächster Zeit entscheiden, dass man das Recht auf politisches Asyl so nicht auslegen kann, aber wie wir die Jurassiens kennen, ist damit noch lange nicht gesagt, dass Herr Hêche brav am nächsten Morgen in Bellechasse oder sonstwo antrabt.
Nun kann man denken, dass es unverhältnismässig sei, einen Brunnen in die Luft zu sprengen, um auf politischen Konfliktstoff hinzuweisen, der wohl doch etwas weniger brennend ist als der der Kurden oder Palästinenser, nur zum Beispiel. Dass es geeignetere Mittel gebe, um auf Ungerechtigkeiten, wenn es denn welche gibt, hinzuweisen. Ich zum Beispiel denke das. Ich denke, dass Gewalt immer nur mehr Gewalt erzeugt und nicht mehr Gerechtigkeit. Allerdings, für die Gerechtigkeit braucht es immer zwei. Das altvererbte Herrenverhalten der Berner mag einen bélier wie Pascal Hêche so gereizt haben, dass er ebenso blind wie seine gesprengte Justitia lostobte.
Sowieso haben wir schmerzlich lernen müssen, dass das Recht nur allzuoft auf der Seite der Macht ist, seit eh und je. Wer das Sagen hat, sagt auch, was gerecht ist. Es ist nicht jeder Richter ein Salomo, der Richter im Dienste des Pontius Pilatus war es zum Beispiel nicht, als er jenen vielleicht eifernden, vielleicht revolutionäre Reden schwingenden Mann namens Jesus ans Kreuz binden liess. Den Juden aller Zeiten wurde immer wieder vorgeworfen, die Brunnen vergiftet zu haben. In den USA fasst ein Farbiger aus Queens oder South Central Los Angeles heute noch eine höhere Strafe als ein Weisser mit geregeltem Einkommen für das gleiche Delikt. Die Gerechtigkeit ist relativ, und immer wieder einmal tun die, die die Macht dazu haben, ihren gewichtigen Fuss auf die Waagschale, unschuldig der blinden Göttin zulächelnd.
Nicht nur in Bern. Aber auch in Bern. Es mag mir erlaubt sein, ein Wort zu dem zu sagen, der mich seit einem halben Jahr beschäftigt, zum braven Soldaten Jeanmaire, den die Boulevardpresse, vom Bundesrat, vom Parlament und von einem nationalen Konsens aufgestachelt, nach seiner Verhaftung einen «Jahrhundertspion» genannt hat. Natürlich war Jeanmaire kein Schwejk, leider nicht. Er hatte zwar dessen monumentale Naivität, aber nichts von seinem anarchisch-listigen Überlebenshumor. Er war ja auch nicht Soldat, er war Brigadier. Und er war, im Gegensatz zu Schwejk, ein begeisterter Krieger, ein erhitzter kalter Krieger auch, dem die Russen ein Greuel waren.
Er verriet auch nicht nichts. Aber es waren eben nicht «geheimste Dokumente» (Kurt Furgler vor dem Nationalrat), sondern alles in allem das, was die Amerikaner peanuts nennen. Kinderkram. Ich hätte mir, statt der dramatischen Gerichtsverhandlung, die ihm achtzehn Jahre Zuchthaus einbrachte, auch ein anderes Szenario vorstellen können: Dass ihn der Generalstabschef von damals in sein Büro zitiert hätte, und dort hätten die beiden Herren eine halbe Stunde lang gebrüllt - der Chef hätte, und Jeanmaires eh schon roter Kopf wäre endgültig rot geworden -, und dann wäre der unbrave Brigadier mit einem dienstlichen Verweis und sehr kleinlaut von dannen gezogen. Nur, die Umstände waren nicht so. die Umstände, die man kalten Krieg nennen mag, brauchten ihre Opfer.
Ich habe ein Stück über Jeanmaire geschrieben und über die Schweiz im kalten Krieg. Gottfried Helnwein, ein Maler aus Österreich, hat ein Plakat dazu gemalt. Darauf sieht man Jeanmaire, den verwirrten Offizier, nackt vor dem untersuchenden Beamten, genau so, wie es ihm am 9. August 1976 geschehen ist. Ich weiss nicht, wie oft diese Methode, einem Menschen gleich zu Beginn einer Untersuchung seine Würde zu nehmen, in der Schweiz angewandt wird. Sie wurde es jedenfalls damals. Und nun sind manche empört und sagen, die Darstellung der Entwürdigung sei würdelos. Sei sogar so etwas wie Leichenfledderei, weil Jeanmaire ja zu Beginn dieses Jahrs gestorben ist. Der Bote, der die schlechte Nachricht überbringt, wird wieder einmal unter Anklage gestellt, während die schlechte Nachricht selber so ungefähr jeden unbeeindruckt liess. Das Bild löst endlich und spät jene Erregung aus, die der Wirklichkeit viel früher hätte gelten sollen.
In effigie: Wieder wird eine Diskussion auf die Bildebene verschoben, um sie nicht auf der Ebene der Wirklichkeit führen zu müssen. - Das einzige, was mich ängstige, als ich Helnweins Plakat zum erstenmal sah, war die Reaktion der Angehörigen Jeanmaires. Hätten sein Sohn und seine Lebensgefährtin nicht ihre Zustimmung gegeben, und zwar begeistert, wären sie erschrocken, verletzt, entsetzt gewesen, dann allerdings hätte auch ich gemeint, dass wir nicht mit diesem Plakat werben dürften, das verständlicherweise keinen unberührt lässt. Sein Skandal ist, meine ich, nicht das Schwänzchen, auch nicht der Brigadierhut, und nicht mal die Kombination von beidem, sondern die Wahrhaftigkeit, mit der wir einen alten Mann sehen. So sehen wir aus, so armselig, so ohne Trost. So sehen wir auch aus, wenn wir Brigadier sind.
Eins kann man allerdings einwenden. Nämlich, warum es denn schon wieder das Opfer sein muss. Warum nochmals der eh schon getretene Jeanmaire herhalten muss. Warum nicht, ähnlich realitätsnah, einer der Täter aufs Plakat gekommen ist. Aber eben, Justitia ist blind, und ihre Waagschalen neigen sich, wohin sie wollen.




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