Helvetia
22. September 1990
Basler Magazin
Sigmar Gassert
Nur der Mensch ist unmenschlich
Helnwein-Ausstellung
Kunst tritt hier ebenso aggressiv wie ihre Themen und ebenso nachromantisch lebenssehnsüchtig wie ihre Intention auf. Wer vor den Bildern steht, wird unvermeidlich zur emotionalen Identifikation gezwungen. Er leidet mit den Opfern und empfindet sich selbst als Machtmensch. Täter und Opfer in einem wird man durch den hinterhältig angestifteten Diskurs aus Übertragung und Gegenübertragung. Dabei sind die Unschuldigen wie die Schuldigen geradezu liebevoll heiligenhaft mit einer unendlichen Geduld gemalt. Neben den Greueln der Gegenwart von Gewalt geraten selbst eigentliche Interieur-Bilder, Familienszenen mit Kindern, zu Thrillern. So geschickt listig entblösst wird da die mal arme, die mal reiche neubürgerliche Innerlichkeit verfremdet und desillusioniert. "Der freundliche Mensch", so Heiner Müller über Gottfried, hält allem und jedem den Spiegel der Schrecken des Jahrhunderts vor.
Mit seinen grossen und wachen Teleraugen sieht Donald Duck, hyperrealistisch in Blautönen auf Riesenformat gemalt, jeden an und einfach alles. Schrecklich banal und unausweichlich ist diese maltechnisch überaus raffinierte Darstellung einer der mächtigsten Trivialmythen der Zeit. Dann eine am Kopf bandagierte Gestalt mit einem von chirurgischen Klammern aufgerissener Mund und also schmerzverzerrtem Gesicht, der Künstler selbst im Autoportrait. Als Nächstes unschuldige Kindergesichter, in Kreide getaucht und in Reihe, zu Opfern verdammt, ausselektioniert, offenbar als unwertes, weil beschädigtes Leben.
Die Bilderwelt des Grauens und Schreckens setzt sich fort. Antonin Artaud, der Theoretiker des Schmerzkörpers, schon vom nahen Tode gezeichnet, Märtyrer und Opfer der eigenen, mörderischen Philosophie. Dann ein SS-Soldat mit spitzem Rattengesicht, das inkarnierte Böse, das Horrorsymbol des Jahrhunderts. Daneben Selbstmörder Barschel in seiner Genfer Todeswanne, ein Macbeth ohne Kaliber, die Banalität eines schrecklichen Abgangs. Alle seine Bilder malt Gottfried Helnwein in einem penetranten Hyperralismus. Ob Faschismus-Paraphrase oder Berichterstattung zeitgeschichtlicher Katastrophen, wo es um Krieg, Tortur und Terror geht, oder ob um die wieder geläufige Nazi-Nostalgie, der Schreck sitzt tief beim Betrachter.
Kunst tritt hier ebenso aggressive wie ihre Themen und ebenso nachromantisch lebenssehnsüchtig wie ihre Intention auf. Wer vor den Bildern steht, wird unvermeidlich zur emotionalen Identifikation gezwungen. Er leidet mit den Opfern und empfindet sich selbt als Machtmensch. Täter und Opfer in einem wird man da durch den hinterhältig angestifteten Diskurs aus Übertragung und Gegenübertragung. Dabei sind die Unschuldigen wie die Schuldigen geradezu liebevoll heiligenhaft mit einer unendlichen Gedult des Pinsels gemalt.
Neben den Greueln der Gegenwart von Gewalt geraten selbst eigentliche Interieur-Bilder, Famlienszenen mit Kindern, zu Thrillern. So geschickt listig entlösst wird da die mal arme, die mal reiche neubürgerliche Innerlichkeit verfremdet und desillusioniert. Der "freundliche Mensch", so Heiner Müller über Gottfried Helnwein, halt allem und jedem den Spiegel der Schrecken des Jahrhunderts vor. Vom Untermenschen bis zu den unschuldig maltrierten Kindern gibt es keine gesellschaftliche Tabuzone, die er nicht nachinszeniert, gern als doppelbödiger Selbstdarsteller, als Täter und Opfer, als Führer und Märtyrer in einem.
Was Franz Kafka Verwandlung hiess und schon bei Edgar Allen Poe der Doppelgänger war, das wird hier neu und nunmehr frontal direkt in der ganzen Gemeinheit des Trivialen vorexerziert. Selbst in Verehrungsbildern, etwa Beuys als Soldat kurz vor dem Flugzeugabsturz, Warhol noch lebendig, aber schon todkrank, oder Michal Jackson als Musiker von sexueller Entgrenzung, alles nach - teils eigenen - Fotografien gemalt, bleiben diese Mythenstifter eigenartig trivial und ambivalent, denn die Funktion der Idole selbst ist fragwürdig gemacht und wird auf indirekte Weise wieder auf die Prominentengeilheit der Massen zurück-projiziert.
Einzig den Kindern allein reserviert Gottfried Helnwein in einer wahrhaften Welt des Grauens, wo einzig der Mensch der Unmenschliche ist, die Verkörperung der Unschuldigen wie die Rolle der Hoffnungsvollen. In Blaugrau sind sie oft die einzigen Lichtträger. Sich selbst hat der Künstler viele Male schonungslos als Schmerzensmann selbstinszeniert. Verbandagiert, blutüberströmt und heroisch im Leidensakt halt er sich selbt als zum Stigma der Zeit stilisiert am Leben. Erlösen wird die Welt er als Heilsbringer durch die Unheilwahrheiten der Welt mitnichten. Aber damit die Distanz zwischen Kunst Alltag ein wenig zu verringern, das ist viel in einer Zeit, wo wenig überhaupt noch den Klischees und Stereotypen entkommen kann.




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