Helvetia
1. Januar 1998
Sonntagszeitung
Thomas Haemmerli
Gottfried Helnwein, Interview
Herr Helnwein, Sie sagen, die boshaften Wiener hätten das Mobbing erfunden. Sind Sie Mobber? Helnwein: Also wenn, dann würde ich mich eher als Opfer eignen. Wie die meisten anderen Künstler.

Herr Helnwein, Sie sagen, die boshaften Wiener hätten das Mobbing erfunden. Sind Sie Mobber?
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Also wenn, dann würde ich mich eher als Opfer eignen. Wie die meisten anderen Künstler.
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Das bekannteste Bild von Ihnen haben die Scorpions als LP-Cover verwendet. Das mit diesen Gabel-Krallen. Ein Selbstporträt?
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Ein Schreiendes Selbstporträt.
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Das ist doch dieser Opfergestus?
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Das war auch die erste Kunst, die ich gesehen habe. Schon als Kleinkind, das hat sich tief eingeprägt: Märtyrer, Leute, die angenagelt waren, Katharina, die gerädert wurde, Stefanus, der gesteinigt wurde, Christus, der gegeisselt wurde, Maria mit sieben Schwertern im Herzen.
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Warum sind es bei Ihnen ausgerechnet Gabeln?
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(lacht) Das war völlig intuitiv. Aber schon die Vorstellung fand ich sehr schmerzhaft: den Gegensatz zwischen Metall und der weichen, verletzlichen Haut. Gerade bei den Augen.
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Heute manifestieren kultivierte Menschen ihre Weltläufigkeit dadurch, dass sie mit Stäbchen essen. Können Sie mit Stäbchen essen?
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Kann ich, aber ich möchte sie nicht in den Augen stecken haben.
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Technisch gesehen ist die Gabel dem Stäbchen doch überlegen.
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Kommt darauf an, was man damit vorhat.
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Essen.
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(lacht)
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Sagen wir: essen und Augen auskratzen.
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Es kommt darauf an, was man isst. Ein Wiener Schnitzel mit Stäbchen zu essen ist ja ein Problem. Die Gabel ist auch nur dann überlegen, wenn sie mit dem Messer zusammen auftritt, nicht wahr? Dann ist sie den Stäbchen wirklich überlegen. Solo, würde ich sagen, hat sie nicht soviel Vorteile.
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Wo wären die Stäbchen brauchbar?
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In der asiatischen Küche. Sushi mit Messer und Gabel zu essen ist ja nicht so reizvoll.
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Eigentlich sehen Sie ganz manierlich aus. Ich hatte jemand erwartet, der wie Axl Rose ein breites Stirnband um den Kopf geknotet hat.
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Das habe ich nur, wenn ich male. Weil sonst die Haare über die Augen hängen und mit Farbe verschmiert werden. Es ist einfach praktischer. Und da ich aus der Generation der Spät-Achtundsechziger bin, habe ich diese Gewohnheiten beibehalten.
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Was verwenden Sie denn für Tücher?
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Eigentlich die, die alle Hell's Angels oder Ex-Hippies haben.
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Und was sind das für Stirntücher?
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Diejenigen, die man im Motorrad-Shop kriegt. Nur sind meine alle mit Farbe verschmiert, und das möchte ich niemandem antun.

Der Wiener Künstler Gottfried Helnwein, 50, hat diese Woche in Zürich seine Werkschau in Buchform vorgestellt.
Interview: Thomas Haemmerli




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