Helvetia
11. April 1989
Neue Züricher Zeitung
Choreographisches Theater
"Ödipus" von Johann Kresnik in Heidelberg
Es bleibt nicht hei einem Mord. Kresnik erzählt zwar die Tragödie des Sophokles so, wie sie im Buche steht, erfindet zugleich jedoch für seinen Ödipus immer wieder neue Tötungssituationen: Der Sohn, selbst Opfer, kommt von seiner Blutschuld, von seiner Blutschande nicht mehr los. Eine Tat zieht die andere nach sich. Ein ewiger Kreislauf, aus dem es kein Entrinnen gibt. Nicht einmal des Rätsels Lösung, von der Sphinx gefordert, schafft für einen Augenblick Erleichterung. Auf Krücken bewegt sie sich blindlings vorwärts, drei behinderte Mediziner mit fratzenhaften Gesichtern hinter dicken Brillengläsern: Spukgestalten aus dem Schreckenskabinett des Gottfried Helnwein. Der szenische Anteil des österreichischen Malers ist evident. Wie schon beim "Macbeth" vor einem Jahr hat Helnwein Bild- und Kostümideen in das Choreographische Theater seines Landsmanns eingebracht, die dem Stück eine neue und durchaus diskutable Dimension geben: Das Spiel mit den Stahltüren, die ausgewählten Farben, überhaupt die Konzentration auf starke Bildsymbole wie Axt, Blutlaken, Tisch, Stuhl und Stock ermöglichen nämlich eine Dichte, die andere Kresnik-Kreationen nicht immer besessen haben. Der Heidelberger Ballettchef deklariert denn auch seinen «Ödipus» nachträglich als Teil einer Trilogie, die mit "Macbeth" begann und mit einem «Lear», vielleicht aber auch mit "Richard III." an seiner künftigen Arbeitsstelle, in Bremen, endet und das Thema Macht jeweils am Fall einer Familie unterschiedlich interpretiert.
Die Schatten der Vergangenheit sind übermächtig. Kaum hat sich die Gesellschaft zur Geisterbeschwörung zusammengesetzt, nimmt die Geschichte auch schon ihren Verlauf. Riesige Stahltüren öffnen sich und fallen immer wieder krachend ins Schloss. Aus dem Dunkel des Unterbewußtseins schieben sich verdrängte Erinnerungen auf die Bühne. Wie unter einem unerklärlichen Zwang, an dem die drängende, illustrative Musik Wilhelm Pirchners grossen Anteil hat, verwandeln sich die Menschen von heute in Menschen von gestern. Der Mythos ist allgegenwärtig: In einer Ecke kauert bereits Ödipus, ein Kind noch. Rasch streifen ihm die Eltern den Machtmantel der Erwachsenen über. Beim Weggehen schiebt ihm der Vater schnell die Mundharmonika zwischen die Zähne. Spiel mir das Lied vom Tode: Ödipus, Beine und Arme zusammengebunden, könnte es vielleicht singen. Doch der Todgeweihte, der Verurteilte, der Ausgesetzte sucht das Leben. Während die Tafelrunde wie in einem Ritual Steine auf die Erde fallen lässt, befreit er sich keuchend von seinen Fesseln. Das Drama kann beginnen.
Johann Kresnik lässt seinen "Ödipus" auf der Bühne des Heidelberger Theaters nicht lang allein. Kaum hat sich der schmächtige Jüngling hochgekämpft, kaum steht Joachim Siska auf seinen verwundeten Füssen, ein Stigmatisierter wie Christus, taucht auch schon Teiresias auf, der blinde Seher, und bleut ihm mit dein Stock ein Schicksal ein, an dem nicht nur er den ganzen Abend über zu tragen hat. Wie sich nach und nach herausstellt, ist Ödipus seinen Eltern keineswegs willkommen: Der Vater schlägt die schwangere Mutter, Iokaste windet sich in unsäglichen Geburtsqualen auf dem Boden. Kein Wunder, wenn der Unerwünschte - unwissend zwar, aber nicht ohne Grund - bei passender Gelegenheit nach dem Beil greift.
Es bleibt nicht hei einem Mord. Kresnik erzählt zwar die Tragödie des Sophokles so, wie sie im Buche steht, erfindet zugleich jedoch für seinen Ödipus immer wieder neue Tötungssituationen: Der Sohn, selbst Opfer, kommt von seiner Blutschuld, von seiner Blutschande nicht mehr los. Eine Tat zieht die andere nach sich. Ein ewiger Kreislauf, aus dem es kein Entrinnen gibt. Nicht einmal des Rätsels Lösung, von der Sphinx gefordert, schafft für einen Augenblick Erleichterung. Auf Krücken bewegt sie sich blindlings vorwärts, drei behinderte Mediziner mit fratzenhaften Gesichtern hinter dicken Brillengläsern: Spukgestalten aus dem Schreckenskabinett des Gottfried Helnwein.
Der szenische Anteil des österreichischen Malers ist evident. Wie schon beim "Macbeth" vor einem Jahr hat Helnwein Bild- und Kostümideen in das Choreographische Theater seines Landsmanns eingebracht, die dem Stück eine neue und durchaus diskutable Dimension geben: Das Spiel mit den Stahltüren, die ausgewählten Farben, überhaupt die Konzentration auf starke Bildsymbole wie Axt, Blutlaken, Tisch, Stuhl und Stock ermöglichen nämlich eine Dichte, die andere Kresnik-Kreationen nicht immer besessen haben. Der Heidelberger Ballettchef deklariert denn auch seinen «Ödipus» nachträglich als Teil einer Trilogie, die mit "Macbeth" begann und mit einem «Lear», vielleicht aber auch mit "Richard III." an seiner künftigen Arbeitsstelle, in Bremen, endet und das Thema Macht jeweils am Fall einer Familie unterschiedlich interpretiert.
Dass der "Ödipus" am Schluss seines zehnjährigen Engagements steht, ist kein Zufall. Anders als in Bremen, wo sich Kresnik von 1968 bis 1979 vor allem mit politischen Themen auseinandersetzte, beschäftigte er sich in Heidelberg (ortsbedingt?) mit Familienstrukturen und Einzelgängern, um an ihnen die Situation unserer Gesellschaft aufzeigen zu können. Stücke wie "Familiendialog" (in Zusammenarbeit mit dein Psychoanalytiker Helm Stierlin entstanden), "Mars", "Pasolini", "Sylvia Plath", "Mörder Woyzeck" oder "Macbeth" sind dafür bezeichnende und zum Teil auch durchaus überzeugende Beispiele. Die Rückkehr nach Bremen eröffnet ihm wieder andere Perspektiven. Man wird sehen, was für Schwerpunkte sich daraus entwickeln.




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