Helvetia
15. März 2007
Neue Zürcher Zeitung
Reto E. Wild
Kunst im Hotel
Wenn Lobby, Speisesaal und Fitnessraum zur Galerie werden
Seit der «Plattenhof» im Jahr 2003 seine Tore öffnete, gab es bereits fünf verschiedene Ausstellungen mit Kunstwerken, die im Restaurant, am Eingang oder auf den verschiedenen Stockwerken hängen - jeweils sechs bis neun Monate lang. Im Wiener «Altstadt» hingegen findet der Gast permanent Werke von Niki de Saint Phalle, Andy Warhol, Gottfried Helnwein, Markus Prachensky und vielen mehr. Ähnlich und dennoch anders präsentiert sich das Hotel Castell in Zuoz, das wahrscheinlich zu den Pionieren dieses Genres in der Schweiz zählt und mit seiner festen Sammlung von zeitgenössischen Werken gezielt ein Publikum von Kunstliebhabern anspricht.
Kunst im Hotel - mehr als nur ein Marketinginstrument
Eine steigende Zahl von Hoteldirektoren setzt in ihren Häusern auf Kunst, weil diese ein probates Marketinginstrument ist. Lobby, Speisesaal oder, warum auch nicht, der Fitnessraum werden zu einer offenen Galerie für alle.
Hotels sind Orte der Begegnung, wo der Gast Geborgenheit sucht und sich entspannen will. Oder wie sich Peter Sidler, Direktor des Designhotels Plattenhof im Zürcher Universitätsquartier, ausdrückt: «Unsere öffentlichen Räume sollen ein Zuhause-Gefühl ausstrahlen.» Genau auf dieser Schiene fährt beispielsweise auch das Wiener Hotel Altstadt im Biedermeier- Viertel am Spittelberg, das sich in seinem Werbeslogan als «Ihre persönliche Residenz» empfiehlt. Der Ausdruck Hotel scheint dort schon beinahe verpönt.
Grosse Bandbreite der gezeigten Kunst
Beide Häuser verbindet die Kunst. Seit der «Plattenhof» im Jahr 2003 seine Tore öffnete, gab es bereits fünf verschiedene Ausstellungen mit Kunstwerken, die im Restaurant, am Eingang oder auf den verschiedenen Stockwerken hängen - jeweils sechs bis neun Monate lang. Im Wiener «Altstadt» hingegen findet der Gast permanent Werke von Niki de Saint Phalle, Andy Warhol, Gottfried Helnwein, Markus Prachensky und vielen mehr. Ähnlich und dennoch anders präsentiert sich das Hotel Castell in Zuoz, das wahrscheinlich zu den Pionieren dieses Genres in der Schweiz zählt und mit seiner festen Sammlung von zeitgenössischen Werken gezielt ein Publikum von Kunstliebhabern anspricht.
Ob Wien, Zuoz, Zürich oder andere Städte der Welt: Immer mehr Hotels versuchen mit der Kunst ein behagliches Wohnerlebnis aufkommen zu lassen - wobei es unmöglich ist, die Anzahl der weltweit so agierenden Häuser zu schätzen. Sicher ist bloss, dass die Bandbreite der in diesen Hotels gezeigten Kunst gross ist: Das Hotel Arts Barcelona beherbergt zum Beispiel eine Sammlung von über 1000 zeitgenössischen Werken aus Spanien, die an den Eingangswänden sowie auf jedem der 43 Stockwerke zu bewundern sind. Das «Ritz-Carlton Millenia» in Singapur verfügt sogar über eine Kunstsammlung mit 4200 verschiedenen Werken, vor allem Pop-Art - von Frank Stella über David Hockney bis zu Andy Warhol. Diese Sammlung moderner amerikanischer Kunst, deren Wert rund fünf Millionen Dollar beträgt, gilt als eine der bedeutendsten in ganz Südostasien und ist Teil des Hotel-Erlebnisses. So steht etwa die Figur «Balinese Dancer» des indonesischen Künstlers Nyoman Gunasar mitten in einer Lounge, die dreidimensionalen Skulpturen von Frank Stella befinden sich dagegen am Weg zum Schwimmbad.
Der spanische Konzern NH Hoteles, einer der grössten europäischen Betreiber von Geschäftshotels, besitzt seinerseits eine Sammlung mit 3500 Objekten von 170 Künstlern aus Europa, Afrika sowie Nord- und Südamerika, die in den Hotels ausgestellt werden. Die Werke spiegeln moderne Trends der 1980er und 1990er Jahre sowie der Gegenwart wider. Das NH Zürich Airport in Glattbrugg und andere NH- Häuser stellen ihre Räume auch jungen und wenig bekannten Künstlern für einige Monate zur Verfügung. «So unterstützen wir die Künstler und schmücken gleichzeitig unsere Hotels. Das hilft beiden Seiten», erklärt Dario del Monaco vom Zürcher Hotel.
Die Leichtigkeit der Atmosphäre
Das NH-Hotel in Berlin Mitte arbeitet zudem seit knapp zwei Jahren mit einer Galerie zusammen, die regelmässig Veranstaltungen anbietet. «Jede Ausstellungseröffnung bringt uns eine neue Klientel ins Haus, was unserem Restaurant zugute kommt», freut sich Hoteldirektor Till Esser. Mancher Kunstgeniesser komme wieder oder erzähle von den Kunst- und kulinarischen Erlebnissen im Hotel. Zudem vergibt die spanische Hotelkette jedes Jahr den mit 60 000 Euro dotierten «Mario-Vargas-Llosa-NH-Preis für Kurzgeschichten». Die Erzählungen der Gewinner erscheinen in einem Buch, das auf den Nachttischen der Hotels aufliegt.
Trotzdem: Letztlich ist und bleibt Kunst im Hotel vor allem ein Marketinginstrument. Wer allerdings auf diese Weise viel Geld verdienen will, darf nur grosse und im Kunstmarkt bekannte Namen kaufen und ausstellen. Genau das macht zum Beispiel Stefan Schörghuber, der die gleichnamige Münchner Unternehmensgruppe leitet, die Muttergesellschaft der Arabella-Sheraton- Hotels. Gemeinsam mit dem internationalen Kunsthändler Konrad O. Bernheimer hat er im Herbst 2004 ein in Europa einzigartiges Kunst- und Kulturprojekt lanciert: die «Schloss Fuschl Collection» in Hof bei Salzburg. Derzeit umfasst diese mehr als 150 alte Meister, darunter bedeutende Gemälde und Zeichnungen flämischer, holländischer, italienischer, französischer, deutscher und österreichischer Künstler des 17. bis 19. Jahrhunderts. Was man normalerweise in einem Museum erwartet, kann der Gast in den Suiten und öffentlichen Räumen dieses Luxushotels betrachten. - Auch das «Four Points by Sheraton Sihlcity» in Zürich, das am 21. März 2007 eröffnen wird, kommt nicht ohne Kunst aus. Der Bauherr des Vier-Sterne-Objekts hat sich für gebogene Neonröhren entschieden, die Schriftzüge von unbekannten Flurnamen entlang der Sihl tragen. Theophil Bucher, Geschäftsführer der Gruppe, welche dieses Hotel betreibt, unterstreicht: «Die unterhaltende Lichtinstallation hat einen tieferen Sinn und regt zum Denken an.» Für den ehemaligen Direktor des «Atlantis Sheraton» am Fuss des Zürcher Üetlibergs sind Hotels «sinnliche Orte». So sei es bloss folgerichtig, dass sich die Häuser um Formen, Farben und Materialien kümmerten. Bucher bezeichnet Hotels als eine Herzens- und manchmal auch als eine Leidensgeschichte. Ein solches Ambiente verlange geradezu nach Kunst, das sei schon bei den Palästen aus der Belle Epoque so gewesen. Schon damals hätten schwere Gemälde für eine gewisse Leichtigkeit der Atmosphäre gesorgt.
Reto E. Wild




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