Helvetia
5. Mai 2008
Medienheft
Schweiz
Urs Meier
Kritik
Der Medienfall von Amstetten
Mit Grossaufwand an den drängendsten Fragen vorbei
Der Reporter der Süddeutschen sieht in diesen Kriminalfällen, ohne kurzschlüssig über einen generellen Nationalcharakter zu spekulieren, eine sehr österreichische Form sozialer Abartigkeit, in der Lebensunfähigkeit mit Intelligenz gepaart sei. In den hyperrealistischen Bildern des österreichischen Malers Gottfried Helnwein findet Gertz einen Schlüssel zum Verständnis des Umfeldes, in dem das Amstettener Verbrechen möglich wurde. Helnweins grausame Bilder stossen den Betrachter darauf, das Schreckliche liege vor Augen – und kritisieren so das notorische Wegsehen. Das Verlies von Amstetten, so Gertz weiter, berühre etwas im Inneren der Österreicher, ihre verdrängte dunkle Seite. Dieser Hang zum Verdrängen werde in der österreichischen Kultur, auch der populären, immer wieder blossgelegt in Gestalt eines kaum verhüllten Grauens.
Die Medien haben bei dem am 27. April bekannt gewordenen Verbrechen von Amstetten in gewohnter Weise funktioniert: boulevardesk die Boulevardmedien, differenzierter die Qualitätstitel, hektisch allesamt im Wettlauf um Bilder und Informationen. Übertreibungen und Auswüchse gehören zum Geschäft. Beteiligte und oft auch Betroffene sind durch ihre passive Medienerfahrung darauf konditioniert, die beim Casus «sensationelles Verbrechen» vorbestimmten Rollen zu übernehmen. Der Fall Amstetten zeigt exemplarisch die ungleichen Leistungen und Defizite in der Medienbranche.
Was in Amstetten geschehen ist, sprengt die Vorstellungen von Kriminalität. Es erschüttert das Vertrauen in die Einschätzbarkeit von Menschen und Gesellschaft. Denn obschon man weiss, dass dem Schein nicht immer zu trauen und deshalb jederzeit ein gewisses Mass an Vorsicht geboten ist, trifft einen die Nachricht von einem solchen Verbrechen unvorbereitet und schutzlos. Nur schon von «einem» Verbrechen zu reden, das also neben die von den Medien laufend berichteten Brüche von Gesetz und Moral zu stellen wäre, erscheint in diesem Fall unangemessen. Die Dauer von über dreissig Jahren, das Ausmass von Grausamkeit, die Kälte der Planung und Ausführung decken Abgründe auf, die schwindlig machen.
Ein Städtchen wird überrollt
Für die Medien rund um den Globus ist Amstetten für kurze Zeit im Brennpunkt. «CNN», «BBC», «Al-Jazira», «AP», «Reuters» und weitere Dutzende von Agenturen, Sendern und Zeitungen entsandten ihre Teams in die kleine niederösterreichische Stadt. Je weiter deren Publikum vom Geschehen, desto kürzer und oberflächlicher das Interesse. Im deutschsprachigen Raum jedoch ist der Fall von Amstetten auch eine Woche nach der Aufdeckung so aufwühlend, dass zahlreiche grosse Medien wie die «Neue Zürcher Zeitung», «Der Spiegel», die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» oder «Der Standard» (Wien) dem Thema noch immer viel Raum geben. Polizeiliche Ermittlungen, Recherchen der Medien, Expertenmeinungen, soziokulturelle Deutungen, Unschuldsbeteuerungen von Ämtern und politische Schuldzuweisungen speisen täglich neuen Stoff ein in die nicht abreissende Nachrichtenproduktion.
Amstetten wurde regelrecht heimgesucht von einem gierigen, technisch hochgerüsteten Pulk. Als hätte Elfriede Jelinek das Drehbuch geschrieben, wurde hundertfach dieselbe normal-trostlose Fassade gefilmt, wurden die immergleichen Passanten interviewt und die hölzernen Statements der Amtspersonen verbreitet. Überfordert waren allerdings nicht nur die Leute vor, sondern auch diejenigen hinter den Kameras und Mikros. Die unverzüglich etablierten Routinen des Sensationellen drangen angesichts des Verübten und Erlittenen nicht recht zur Wirklichkeit durch. Die im Augenblick reale Sensation schien am ehesten das unangemessen Unspektakuläre der örtlichen Szenerie zu sein. Mitten im kleinbürgerlichen Idyll oder Mief war Grauenhaftes geschehen. Niemand wollte etwas gemerkt haben, niemand hatte sich über Ungereimtes Gedanken gemacht. Man hatte zwar über so manches geredet, aber nur soweit es mit der gängigen Praxis des Verschweigens wiederum verdeckt werden konnte. Um dies am Originalschauplatz zu erkunden, reisten Hunderte von Medienleuten nach Amstetten, wo sie nichts sahen, nichts erfuhren und nichts verstanden – und dann wortreiche Berichte lieferten.
Es gab immerhin einzelne Redaktionen, die auch den Medienrummel zum Thema machten. «Der Standard» prangerte am 28. April die Boulevardmedien an, sie schlachteten die Geschichte hemmungslos aus und gäben bedenkenlos Namen und Bilder der Opfer preis. Am 30. April doppelte die Zeitung nach mit einem Bericht, in Amstetten kramten die Einheimischen Fotos von Mitgliedern der Familie F. hervor und verkauften sie den Journalisten für vierstellige Summen. Auch Balkonplätze und Wohnungen mit Sicht auf den Ort des Geschehens würden zu stolzen Preisen vermietet. Nach der Ausquartierung der Opferfamilie in die örtliche Klinik hockten dort die Paparazzi mit dicken Teleobjektiven in den Bäumen. Reporter versuchten als Ärzte verkleidet in die Klinik einzudringen, um endlich Bilder von den Gequälten schiessen zu können. Für Exklusivfotos würden Millionenbeträge geboten, kolportierte «Die Tageszeitung» (taz) am 2. Mai.
Bereits am 29. April brachte die taz einen Kommentar von Bernd Pickert, der die Medien aufrief, die Würde der Opfer zu wahren. Das unlösbare Dilemma bestehe allerdings darin, dass Mitgefühl und Voyeurismus des Publikums aus den gleichen Quellen gespeist würden: «Wie können wir uns sicher sein, dass nicht derselbe Leser die Verbrechen des Josef F. und die Details aus dem Amstettener ‚Verlies des Grauens’ (so die Wiener Kronenzeitung) studiert, der sich ansonsten an Pornos der Marke ‚Gequält im Frauenknast’ ergötzt?»
Dominanz des sexuellen Aspekts
Mit der letzten Bemerkung rührt Pickert an einen befremdlichen Punkt. Das Verbrechen von Amstetten wird in fast allen Medien unter dem Stichwort Inzest behandelt: «Inzest-Fall» (NZZ, FAZ, Süddeutsche), «Inzest-Drama» (Tages-Anzeiger). «Bild» und «Blick» nennen den Täter von Amstetten schlicht das «Inzest-Monster». Zahlreiche Zeitungen und Medien-Websites ergänzten ihre Berichte mit Erläuterungen zum Inzest-Tabu und zur entsprechenden Gesetzgebung in verschiedenen Ländern und Kulturen. «Spiegel Online» verlinkte sogar einen Archivbeitrag über Diskussionen um die Abschaffung des gesetzlichen Inzestverbots. Was bei all diesen Hinweisen fehlte, war die Unterscheidung zwischen «Inzest» im Sinn der Geschwister- oder Verwandtenehe (die tatsächlich historisch und kulturbedingt unterschiedlich betrachtet wird) und dem umgangssprachlichen Wortgebrauch, der sexuelle Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, und zwar im Konkreten faktisch fast immer Übergriffe von Vätern oder anderen älteren Verwandten auf hilflos ausgelieferte Kinder und Jugendliche meint. Solche sexuelle Gewalt kam im Fall von Amstetten zwar massiv vor, aber sie war Teil einer viel umfassenderen, in ihrer Totalität schwer vorstellbaren Unterwerfung, welche die Tochter, deren Kinder und den ganzen Familienverband über Jahrzehnte terrorisierte. Die Fokussierung auf den sexuellen Aspekt verengt das Bild und unterwirft es den medialen Stereotypen. Dazu passt, dass der «Blick» das von Josef F. gebaute Verlies kurz und bündig als «Sexkeller» bezeichnete.
Eindrückliche Reportage in der Süddeutschen
Beim Vergleich der Reportagen aus Amstetten sticht der Bericht von Holger Gertz (Süddeutsche Zeitung, 29. April) positiv heraus. Gertz ist ein sorgfältiger Beobachter. Seine Beschreibung eines Besuchs im belagerten Amstetten ist ein sprachlich dichtes, beklemmendes Stimmungsbild ohne Effekthascherei. Als Einziger zieht Gertz nicht nur die Parallele zum ähnlichen Fall der Natascha Kampusch, sondern erinnert auch an zwei Verbrecher, deren Taten tief in österreichische Milieus und Mentalitäten verwickelt waren: an den Briefbomber Franz Fuchs und an Udo Proksch, der per Zeitzünderbombe einen Frachter versenkte, um die Versicherungssumme zu kassieren. Der Reporter der Süddeutschen sieht in diesen Kriminalfällen, ohne kurzschlüssig über einen generellen Nationalcharakter zu spekulieren, eine sehr österreichische Form sozialer Abartigkeit, in der Lebensunfähigkeit mit Intelligenz gepaart sei. In den hyperrealistischen Bildern des österreichischen Malers Gottfried Helnwein findet Gertz einen Schlüssel zum Verständnis des Umfeldes, in dem das Amstettener Verbrechen möglich wurde. Helnweins grausame Bilder stossen den Betrachter darauf, das Schreckliche liege vor Augen – und kritisieren so das notorische Wegsehen. Das Verlies von Amstetten, so Gertz weiter, berühre etwas im Inneren der Österreicher, ihre verdrängte dunkle Seite. Dieser Hang zum Verdrängen werde in der österreichischen Kultur, auch der populären, immer wieder blossgelegt in Gestalt eines kaum verhüllten Grauens.
Hochkonjunktur der simplen Erklärungen
Die Mehrheit der Deuter und Kommentatorinnen lieferte bis anhin im Vergleich zu Gertz wesentlich einfacher gestrickte Erklärungen. Die auffallende und erschreckende Parallelität zum Fall der Natascha Kampusch legte es scheinbar nahe, nach Verbindungen zu nationalen Eigenheiten zu suchen. Der Imageverlust für Österreich nahm offenbar so bedrohliche Formen an, dass Bundeskanzler Gusenbauer und Bundespräsident Fischer sich veranlasst sahen, jeden ursächlichen Zusammenhang des Verbrechens mit österreichischen Besonderheiten öffentlich zu bestreiten. Der Kanzler veranlasste ausserdem eine PR-Kampagne, in die er die Botschaften Österreichs im Ausland einspannen will. Mit was für Stereotypen das Land zurzeit belegt wird, zeigt exemplarisch der Dokumentarfilmer Petrus van der Let, der die tieferen Gründe für die Vorfälle von Amstetten in Österreichs ausgeprägtem Katholizismus und patriarchalen Strukturen sieht (referiert in Zeit online, 29. April). Mit der erklärungsbedürftigen Erklärung, in besonders flachen und besonders gebirgigen Ländern würden sich die Inzestfälle häufen, liess sich der Kriminalwissenschafter Bernd-Rüdiger Sonnen vernehmen (Zeit online, 28. April). – Aus Erläuterungen dieser Sorte ist bestenfalls zu lernen, dass Geschwindigkeit bei der Auslotung von Hintergründen kein Qualitätsmerkmal ist.
Geschwindigkeit war dennoch gefragt im Wettbewerb der Medien. Expertinnen und Experten hatten als Erklärungsfachleute denn auch einmal mehr freie Bahn, an der Spitze unangefochten das psychologische Fach. Etwas abgeschlagen folgten die Kriminologen und Mediziner. Schon Stunden nach dem Bekanntwerden des ungefähren Tatbestands zirkulierten erste psychologische Täterprofile und Ferndiagnosen. Kein Gemeinplatz war zu abgedroschen, um nicht feilgeboten zu werden. Eine Gerichtspsychiaterin attestiert dem Täter, den sie nie gesehen hat, eine «schwere Persönlichkeitsstörung» und ein «herabgesetztes Selbstwertgefühl». Ein forensischer Psychologe diagnostiziert im Abwesenheitsverfahren eine «hochbrutale, sehr dominante Person». Einem weiteren Experten will aufgefallen sein, «dass hier mehrere pathologische Strukturen durchkommen». Souveränen Durchblick beweist eine Psychoanalytikerin mit der Aussage: «Wenn man 24 Jahre gegen seinen Willen festgehalten wird, ist das immer ein Horror.»
Die peinlich gemiedene Frage des Bösen
Ebenfalls rasch zur Stelle war ein Votum des Kinderpsychiaters Paulus Hochgatterer. «Der Standard» veröffentlichte es bereits am 28. April. Dieses Statement hob sich vom grassierenden Expertengeschwätz wohltuend ab, indem es sich eines dringenden Themas ohne Umschweife annahm. Hochgatterer gab Eltern, deren Kinder durch die Berichte verängstigt waren, den Rat: «Erklären entängstigt immer!» Weiter empfahl er, die Realität des Bösen anzusprechen und gegenüber Kindern persönlich Stellung zu beziehen. Psychologische Deutungen hälfen Kindern nicht, Fakten und deren klare Einordnung hingegen schon: «Das ist ein böser Mensch, den muss man einsperren.» Ein solches Urteil sei für Kinder, die in den Medien ja alles mitbekommen, eine Hilfe zur Bewältigung des Unverständlichen.
Eigentlich seltsam, dass dieser Aspekt in der ganzen Medienbetriebsamkeit rund um Amstetten einzig in einem Ratgeberbeitrag im Blick auf Kinder vorkam. Die philosophische und theologische Frage des Bösen blieb in allen Berichten, Kommentaren und Expertenstatements ausgespart. Gewiss lagen die Redaktionen richtig, wenn sie nach dem Bekanntwerden dieses extremen Verbrechens beim Medienpublikum einen hohen Erklärungs- und Deutungsbedarf annahmen. Mit der Beschränkung auf populärpsychologischen Stehsatz, generalisierte kriminologische Erklärungsmuster und einzelne Informationen zu den nahe liegendsten medizinischen Fragen griffen sie jedoch zu kurz. Die Menschen teilen angesichts von «Amstetten» das Erschrecken der Kinder, und sie stellen letztlich die gleichen Fragen. Ob die Medien sie beantworten könnten, sei dahingestellt. Doch gäbe es im hektischen Medienbetrieb irgendwo ein Ort, an dem solche Dimensionen aufschienen, so wäre schon etwas gewonnen.
Urs Meier ist Geschäftsführer der Reformierten Medien




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