Helvetia
29. August 2011
PUNKT magazin
Schweiz
Cyril Schicker
Promis im Charity-Wahn
Charity liegt bei Promis im Trend. Zumindest scheint es so, schreien sie doch fast alle ihre Wohltätigkeiten in die Welt hinaus. Es ist jedoch schwer zu erkennen, wo Nächstenliebe aufhört und wo Imagepflege beginnt.
Es ist einerlei, ob man wie Damien Rice, Ai Weiwei, Gottfried Helnwein oder Damien Hirst der Kunstfamilie angehörig ist. Es ist …
… ja, was ist es? Nun, man könnte dieses Spiel ad absurdum führen, doch führt das zu nichts respektive immer in eine ähnliche Richtung: Charity. Schauspielerin Helena Bonham Carter beispielsweise unterstützt, zuweilen gemeinsam mit ihrem Ehemann, Regisseur Tim Burton, «Children of Peace» (für das Miteinander von Kindern aus Israel und Palästina), «Oxfam» (gegen Armut), «Action Duchenne» (für Betroffene des Dystrophin-Gendefekts). Die die Musikwelt erobernden Foo Fighters etwa unterstützen «Keep a Breast» (gegen Brustkrebs), «LIFEbeat» (HIV-/AIDS-Aufklärung in Afrika) und «HeadCount» (Stichwort Demokratie).
Es spielt keine Rolle, ob man wie Mickey Rourke, Rosario Dawson, Helena-Bonham Carter oder Daryl Hannah aus der Schauspielereiecke kommt. Es ist egal, ob man wie Greatful Dead, Pink Floyd, Pearl Jam, Foo Fighters oder Erikah Badu dem Musikindustriekokon entschlüpft ist. Unerheblich ist es, ob man wie Andre Agassi, David Beckham, Hulk Hogan, Michael Jordan oder Jenson Button mit der Sportwelt verknüpft ist. Es ist einerlei, ob man wie Damien Rice, Ai Weiwei, Gottfried Helnwein oder Damien Hirst der Kunstfamilie angehörig ist. Es ist …
… ja, was ist es? Nun, man könnte dieses Spiel ad absurdum führen, doch führt das zu nichts respektive immer in eine ähnliche Richtung: Charity. Schauspielerin Helena Bonham Carter beispielsweise unterstützt, zuweilen gemeinsam mit ihrem Ehemann, Regisseur Tim Burton, «Children of Peace» (für das Miteinander von Kindern aus Israel und Palästina), «Oxfam» (gegen Armut), «Action Duchenne» (für Betroffene des Dystrophin-Gendefekts). Die die Musikwelt erobernden Foo Fighters etwa unterstützen «Keep a Breast» (gegen Brustkrebs), «LIFEbeat» (HIV-/AIDS-Aufklärung in Afrika) und «HeadCount» (Stichwort Demokratie).
Freudigkeit kontra Geilheit
Das einstige Sport-As Michael Jordan, ein weiteres Exempel, unterstützt «CharitaBulls» (Sozialprogramm für Chicagos Jugend), «Make-A-Wish Foundation» (für Kinder mit lebensbedrohender Krankheit). Kunststar Damien Hirst wiederum unterstützt unter anderem «ARK» (Entfaltung von Kindern), «Dorset Wildlife Trust» (Wildtierhabitate), «RED» (für HIV/AIDS-Betroffene in Afrika) sowie «Lance Armstrong Foundation» (Krebs).
Jede einzelne dieser Wohltätigkeitsorganisationen, von denen es eine schier unerschöpfliche Anzahl gibt, kann auf viele weitere Celebrities zählen. Sowohl von der Menge an Berühmtheiten als auch von der Menge an Geldern ist das Ausmass an Gigantomanie nicht zu überbieten.
Fiskus und Egopolitur
Alleine schon deshalb kann und darf man nicht pauschal sagen, deren Spendenfreudigkeit führe zu nichts. Dies selbst dann nicht, wenn sich diese Art von Freudigkeit zu einer Art von Geilheit wandelt. Es soll jedoch die Frage aufgeworfen werden, weshalb sich – mitteilungsbedürftige – Prominente derart fest in Charity-Aktionen verbeissen. Ist es ein philanthropischer Hunger? Oder nur gieriges Zähnefletschen aus Imagegründen? Oder von beidem etwas?
Dr. Mark Benecke, Kriminalbiologe und weltweit bekannter Forensiker, der nebenbei als Referent, Dozent, Autor sowie Musiker auftritt, ist kritisch: «Ich bin überzeugt davon, dass in ganz vielen Fällen entweder Fiskusüberlegungen hineinspielen oder damit Egopolitur betrieben wird.»
Er weiter: «Das Streben nach Macht ist ein weiterer gewichtiger Grund.» Seine Frau Lydia Benecke, sie studierte Psychologie, Psychopathologie und Forensik, komplettiert: «Als Quasihelfer in der Not heimsen Berühmtheiten viel Lob ein, und von dem damit verbundenen Positivansehen leben sie ja. Wer keine Charity-Aktionen verfolgt oder diese unter den Teppich kehrt, wird rasch als Geizhals mit schlechten Eigenschaften abgestempelt. Menschen wollen in einer gerechten Welt leben. Fast alle haben – unterschiedlich stark ausgeprägt – die Neigung, im Prinzip zu glauben, dass ‹man im Leben bekommt, was man verdient›.»
Vom Rettungsschirm zur Imagepflege
Ihr (wohlklingender) Wortschwall reisst nicht ab: «Der Grund dafür ist, dass wir uns alle sonst ständig den Kopf darüber zerbrächen, wie schlimm die Welt ist. Es bedeutet aber auch, dass wir uns wohlfühlen, wenn wir anderen, die aus unserer Sicht unschuldig in Not geraten sind, helfen. Wir glauben dann, dass diesen Menschen gegenüber die Gerechtigkeit wieder hergestellt würde. Das fühlt sich ungemein gut an.»
Mit Fokus auf Celebrities führt sie an: «Berühmtheiten gewinnen durch Wohltätigkeiten viel, namentlich gutes Ansehen, hohe Aufmerksamkeit, und sie können sich überdies selbst auf die Schulter klopfen, als scheinbar grosszügige Helden in einer ungerechten Welt. Ihr empfundener Verlust dabei ist gering, ihr Helfen wie angetönt selten selbstlos.»
Lydia Benecke hält wenig von Vorwürfen: «Das macht aber auch nichts, weil wir alle mehr oder minder nach diesen Regeln handeln. Es ist völlig in Ordnung, solange es den Bedürftigen hilft. Erreicht die Charity-Aktion- wirklich jene, die sie erreichen soll, spielt es doch eine untergeordnete Rolle, aus welchen Motiven heraus die Aktion selber resultiert.»
Unangenehmer Nebengeschmack
Prof. Dr. Christian Fichter, Sozial- und Wirtschaftspsychologe an der Kalaidos Fachhochschule, sieht das ebenfalls gelassen: «Indem sie es in die Welt hinausschreien, hat ihre Spendenfreudigkeit einen unangenehmen Nebengeschmack. Nächstenliebe und Imagepflege lassen sich im Falle von Promis nicht immer sauber trennen. Das ist aber in Ordnung so.»
Leicht stossend wird es, wenn sich Berühmtheiten zu weit aus dem Fenster lehnen und dabei nur nicht aufs Gesicht fallen, weil sie ihre wohltätigen Aktionen als leibeigenen Rettungsschirm missbrauchen. Der Normalbürger, bei dem der betroffene Celebrity eigentlich in Missgunst geraten ist, vergisst kurzerhand seine aufgekeimte Antipathie und kriecht dabei einer halbseidenen Imagepflege auf den Leim. Klar, lieber auf den Leim kriechen als Leim schnüffeln.
Doch warum lassen wir uns immer wieder derart einfach und berechnend einlullen? «Wir alle verlangen nach Vorbildfiguren, die uns quasi den Weg weisen. Oft orientieren wir uns dabei an Berühmtheiten, denn diese wirken kompetent. Vielmals täuscht der Schein. Wir glauben, dass, wer berühmt ist, auch viel weiss und kann», erklärt Christian Fichter.
Viel und grosser Mist
«Das Hirn schaltet oft aus, sobald es sich um Hierarchien oder eben um Berühmtheiten handelt. Selbst Affen tauschen ihren geliebten Kirschsaft, die ‹Knast-Währung› der Labor-Affen, gegen Fotos von hierarchisch höher gestellten Affen. Mehr muss man dazu nicht wissen», so Tierfreund Dr. Mark Benecke, der unter anderem auch Psychologie studierte.
Seine Frau knüpft an: «Ich will ergänzen, dass Menschen ihre erstgebildete Meinung nicht mehr so schnell ablegen. Alle weiteren Informationen, auch wenn sie negativ behaftet sind, ordnet das Hirn angelehnt an die ursprüngliche Meinung ein. Weil Prominente sich sehr oft sehr nett in Szene setzen, werden sie auch sehr oft als sehr nett abgespeichert. Sie müssten denn auch viel und ganz grossen Mist bauen, um den Ruf nachhaltig zu ruinieren.»




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