Helnwein ( texte )
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Staatliches Russisches Museum St. Petersburg
Klaus Honnef

Kurator für Fotografie, Rheinisches Landesmuseum, Bonn

DIE SUBVERSIVE KRAFT DER KUNST
Gottfried Helnwein - Ein Konzeptkünstler vor der Jahrtausendwende
Ist es purer Zufall , daß der Österreicher Helnwein von dem Deutschen und Amerikaner ein Porträt entworfen hat? Zufall daß er Warhol als erschreckendes Schattengespenst fotografisch fixiert und Beauys gemalt hat?
Darüber hinaus das gemalte Porträt von Beauys wieder fotografiert hat , in den Händen von Arno Breker, Adolf Hitlers liebstem Bildhauer? Es spricht viel dafür , daß Helnwein der legitime Erbe von Beauys und Warhol ist.

Im Lichte jener kulturkritischen Anschauung, die die Welt auf dem wege zu einer Reabilität totaler Manipulation und Simulationsieht, befördert durch mächtige Medienapparate mit einem programmierenden Effekt, fällt der Kunst eine zentrale Aufgabe zu.
Sie verkörpert gleichsam den verbleibenden menschlichen Faktor. Dem Anspruch, die Welt zu zeigen, „ wie sie ist“, wollte schon der Staufkaiser Friedrich II. in seinem berühmten Vogelbuch gerecht werden, ebenso wie die niederländischen Maler des 17. Jahrhunderts und die empirische Soziologie zwei jahrhunderte später, und er erscheint unterdem Ansturm simulierter und virtueller Bilder auch in der Kunst ziemlich vermessen.

Doch ihre Aufgabe - so sie sich noch eine zumuten will - erfüllt die Kunst nur, wenn es ihr gelingt , die Macht der Apparate zu brechen und den Bann aufzuheben, den ihre Programme auf die Menschen ausüben mit der Konsequenz , daß sich deren Reaktionen beständig im Kreislauf virtuellen Verhaltens bewegen, wie es der Medienphilosoph Vilém Flusser analysierte.
Die Kunst muß ohne physische Gewalt auskommen und die Rhetorik befeuert die Bilderwelt der Massenmedien. Chancenlos sind die Künstler aber dennoch nicht, denn ihnen steht die gefährliche Waffe der Subversion zur Verfügung.
Intelligent gehandhabt, wird sie zum Stein davids, der den Goliath der Apparatewelt zu Fall bringen kann

Nicht von ungefähr avancierten Beuys und Warhol zu den Schlüsselgestalten der Kunst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, jener Kunst , die eine Brücke schlägt zwischen der allmählich verblassenden Moderne und dem noch konturlosen heraufdämmernden Kontinent des Neuen. Die universelle Weltsicht des Deutschen, sein missionärischer Eifer, der kein Lebensrisiko scheute, die Offenheit seiner künstlerischen Arbeiten sowie der Gebrauch einfachster Materialien mußte eine Welt der Apparate mit ihren eindimensionalen Erklärungsmodellen zwangsläufig herausfordern. Dabei war sein Kunstbegriff weniger philosophisch als pragmatisch motiviert , denn er umfasste nicht nur die traditionellen künstlerischen Techniken und Dis ziplinen wie Malerei, Skulptur und Grafik, sondern schloß sämtliche schöpferischen Tätigkeiten ein, welcher Provenienz auch immer.

In seinem Werk lebte die Idee einer künstlerischen Auffassung fort, wonach sich ein Kunstwerk nicht auf bestimmte Kriterien, Kategorien und Erscheinungsformen festlegen läßt. Den oberflächlichen Utilitarismus einer apparategesteuerten Vision konfrontierte Beauys mit der Imagination einer vielfältig verwobenen und verflochtenen Welt. Demgegenüber spielte Warhol das das Spiel der Apparate ganz bewußt. Anstatt sie zu unterminieren, forcierte er ihr Getriebe bis zur Schmerzgrenze. Konsequent vertauschte er in seinem Werk den status von Schein und Sein. Selbst der gräßliche Anschlag auf sein Leben durch eine radikale Feministin geriet ihm und seiner „ Factory“ zur spektakulären - wenn auch unfreiwilligen – Inszenierung

Ist es purer Zufall , daß der Österreicher Helnwein von dem Deutschen und Amerikaner ein Porträt entworfen hat?
Zufall daß er Warhol als erschreckendes Schattengespenst fotografisch fixiert und Beauys gemalt hat?
Darüber hinaus das gemalte Porträt von Beauys wieder fotografiert hat , in den Händen von Arno Breker, Adolf Hitlers liebstem Bildhauer?
Es spricht viel dafür , daß Helnwein der legitime Erbe von Beauys und Warhol ist.

(Auszug)

Vollständiger Text:
GOTTFRIED HELNWEIN - DIE SUBVERSIVE KRAFT DER KUNST, Klaus Honnef



1997 Staatliches Russisches Museum St. Petersburg Klaus Honnef



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